Was hat die individuelle Wahrnehmung von Endterminen mit der Teamleistung zu tun?

Ein straffes Zeitmanagement gilt als eine entscheidende Erfolgsvariable in Teams, speziell die Einhaltung von Fristen und Endterminen. Gute Zusammenarbeit unter diesem Zeitdruck ist in Teams jedoch nicht selbstverständlich, vor allem, wenn die einzelnen Mitarbeiter unterschiedlich mit Zeit umgehen. Ein Artikel befasst sich mit alternativen Möglichkeiten der Wahrnehmung von Zeit und den Auswirkungen hiervon auf die Leistung Teams unter Zeitdruck. Seine Ergebnisse werden hier referiert.

01.01.2005
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Prozeßorganisation

1. Wer, Wann, Wo ?

2001 erschien in der amerikanischen Wissenschaftszeitschrift Academy of Management Review der Artikel:

Waller, Mary J./Conte, Jeffrey M./Gibson, Christian B./Carpenter, Mason A., The effect of individual perceptions of deadlines on team performance, in: Academy of Management Review 26 (2001), 586-600.

Die Autoren: - Mary J. Waller, Assistenzprofessorin für Betriebswirtschaft an der University of Illinois - Jeffrey M. Conte, Assistenzprofessor in der psychologischen Abteilung an der San Diego State University - Cristina B. Gibson, Assistenzprofessorin im Center for Effective Organizations und für Management und Organisation an der University of Southern California - Mason A. Carpenter, Assistenzprofessor an der School of Business und Mitarbeiter am Weinert Center for Entrepreneurship an der University of Wisconsin

2. Woher, Wohin, Warum ?

In Unternehmen mit immer flacheren Hierarchien und immer öfter auch geografisch gestreuten Teams ist ein straffes Zeitmanagement eine entscheidende Erfolgsvariable, speziell die Einhaltung von Fristen und Endterminen. Gute Zusammenarbeit unter diesem Zeitdruck ist in Teams jedoch nicht selbstverständlich, vor allem, wenn die einzelnen Mitarbeiter unterschiedlich mit Zeit umgehen. Eine ungünstige Teamzusammenstellung kann ein Unternehmen sich aber nicht leisten, wenn es dem Wettbewerbsdruck standhalten will, der fast ohne Ausnahme von Schnelligkeit und Dynamik bestimmt ist.

Die meisten bisherigen Untersuchungen zum Thema Effektivität und Effizienz einer fristgebundenen Teamzusammenarbeit gingen interessanterweise davon aus, dass die betroffenen Mitarbeiter gegebene Zeitbeschränkungen ähnlich auffassen würden. Doch die Autoren dieses Artikels erkennen genau dort erhebliche Unterschiede, die sich entscheidend auf die Teamleistung auswirken. Sie wollen nun eine Lücke im Teamverständnis schließen, indem sie die verschiedenen Möglichkeiten der individuellen Wahrnehmung von Zeitbeschränkungen und des Umgangs mit Fristsetzungen näher beleuchten.

3. Was, Wie, Welche Ergebnisse ?

Der Artikel analysiert anhand existierender Literatur – wie in der Academy of Management Review üblich, ausführlich – die hier ausgewählten Dimensionen Zeitdruck und Zeitperspektive, die gemeinsam die individuelle Wahrnehmung der Menschen von Zeit prägen:

  • Zeitdruck bezeichnet die Neigung von Menschen, ständig die verbleibende Zeit zu prüfen, einen Terminplan aufzustellen usw. Menschen mit Zeitdruck sind zwar chronisch in Eile, aber dafür auch effizient in ihrer Zeiteinteilung. Sie messen Zeit an der verbleibenden Frist. Umgekehrt unterschätzen Menschen ohne Zeitdruck oft Zeitspannen und es fällt ihnen schwer, ein höheres Tempo zu übernehmen.
  • Zeitperspektive bezeichnet den konstanten individuellen Zeitrahmen, also die individuelle Art, Entscheidungen zu treffen und zu planen. Menschen können dabei jeweils auf die Vergangenheit, die Gegenwart oder die Zukunft fokussieren, wobei diese Studie nur die beiden letzteren berücksichtigt. Die persönliche Zeitperspektive entsteht zum Beispiel aus dem kulturellen Hintergrund, der Religion, der Familie, der Bildung oder der Arbeitserfahrung eines Menschen. Menschen mit einer Gegenwartsperspektive sind eher auf gegenwärtige Zufriedenheit aus, empfinden Planungen als eher unnütz, nehmen mehr Risiko auf sich, handeln impulsiv und werden durch Fristen kaum motiviert. Menschen mit einer Zukunftszeitperspektive dagegen arbeiten schon heute, um die Frist von morgen einhalten zu können, sind zielorientiert, machen Listen und haben klar definierte Zukunftsziele.

Der Artikel demonstriert laut den Autoren, dass diese beiden Variablen mehr als andere Einfluss darauf haben, wie Einzelne Endtermine ("Deadlines") wahrnehmen und wie dies dann wiederum das endterminorientierte Verhalten von Teams beeinflusst. Diese Variablen sind die ersten Indikatoren für einen Teamerfolg oder -misserfolg.

Aus der Kombination beider Dimensionen resultieren vier verschiedene Prototypen von Verhaltensmustern:

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Je nach der Zusammenstellung der einzelnen Zeitwahrnehmungs-Typen in einem Team lassen sich laut Artikel hypothesenartige Aussagen zum voraussichtlichen Erfolg der Zusammenarbeit in der Situation bestehender Deadlines machen:

  • So ist ein Team, das nur aus Visionären und Beziehungstypen besteht (beide: geringer Zeitdruck), wahrscheinlich kaum in der Lage, Deadlines einzuhalten.
  • Je weiter die Deadlines in der Zukunft liegen, desto weniger Schwierigkeiten haben Teams mit der Einhaltung von Deadlines, wenn mehr Visionäre als Beziehungstypen im Team sind; je näher die Deadlines an der Gegenwart liegen, desto weniger Schwierigkeiten bestehen mit mehr Beziehungstypen als Visionären im Team.
  • Ein Team, das nur aus Organisierern und Durchpaukern besteht (beide: hoher Zeitdruck), sind hoch wahrscheinlich in der Lage, Deadlines einzuhalten.
  • Je weiter die Deadlines in der Zukunft liegen, desto weniger Schwierigkeiten haben Teams mit der Einhaltung von Deadlines, wenn mehr Organisierer als Durchpauker im Team sind; je näher die Deadlines an der Gegenwart liegen, desto weniger Schwierigkeiten bestehen mit mehr Durchpaukern als Organisierer im Team.

Gegensätzliche Extremtypen in einem Team bringen Missverständnisse, Konflikte und eine schlechte Performance mit sich, sie stehen sich negativ gegenüber und haben Schwierigkeiten, zusammen einer Frist entgegenzuarbeiten. D.h. neben der Zeitwahrnehmung spielt die Koordinationsfähigkeit der verschiedenen Typen untereinander eine entscheidende Rolle, die im Artikel teilweise theoretisch betrachtet wird.

Die Autoren verweisen zum Schluss nochmals darauf, dass viele weitere Variablen, die ebenfalls auf die individuelle Zeitwahrnehmung sowie auf den Teamerfolg unter Zeitdruck einwirken, in den Betrachtungen fehlen. Weiterhin weisen sie darauf hin, dass sie auf Extremausprägungen simplifizieren. Bis jetzt ist die Forschung rein literaturbasiert, und es fehlt noch die empirische Unterstützung, so dass es bislang noch unklar ist, inwieweit die Erkenntnisse in der Realität wiederzufinden und verwertbar sind. Nichts desto trotz glaube ich, dass hier eine interessante Anregung zu weiterer Forschung und empirischen Untersuchungen gegeben wird.

4. Für wen, unter welchen Bedingungen ?

Jeder Mitarbeiter, der bestmöglich zum Erfolg seiner Organisation beitragen soll, muss als Einzelperson wahrgenommen und eingesetzt werden. Diese Zufriedenheitsoptimierung auf beiden Seiten soll durch diese Studie weiterentwickelt werden, was den Autoren gut gelingt, da sie eine neue, bisher kaum beachtete und doch sehr wichtige Komponente des Teamzusammenspiels beleuchten. Deshalb ist der Artikel für jeden empfehlenswert, der sich mit Personaleinsatz bei Aufträgen mit Zeitbegrenzung und daraus resultierendem Zeitdruck beschäftigt, sowie für jeden, der sich einfach nur für eine weitere Dimension der Mitarbeiterpersönlichkeit interessiert.

5. Wie einzuschätzen ?

Wie für Forschungsarbeiten, die im Academy of Management Review erscheinen, üblich ist, lässt sich der Artikel gut lesen und definiert sämtliche verwendeten Schlüsselbegriffe ausführlich. Das Ergebnis zum Thema "Der Effekt individueller Wahrnehmung von Fristen auf die Teamperformance" ist weniger eine praktische Anwendungsvorschrift als vielmehr eine Infragestellung des derzeitigen Beurteilungskonzeptes von der Kooperations- und Koordinationsfähigkeit einzelner Teammitglieder.

Eine empirische Untersuchung zum Thema stelle ich mir durchaus interessant vor, denn die im Artikel angeregten Überlegungen eröffnen ganz neue Dimensionen der Optimierung von Teamleistung unter zeitlichen Restriktionen.